Trauer als Geschenk
Die Lakotas zeigen wie es geht

Ich habe kürzlich von einer Freundin einen Textausschnitt geschickt bekommen. Darin steht, dass trauernde Menschen in der Tradition der Lakota als sehr „wakan“, als heilig, angesehen werden, weil sie bedingt durch den Verlust hinter die Schleier zur geistigen Welt schauen können.

Ihre Gebete gelten als besonders wertvoll und so intensiv, dass es wohl üblich ist, gerade Trauernde um Hilfe zu bitten. Weiter im Text macht der oder die mir leider unbekannte Autor/in darauf aufmerksam, dass es bei Trauernden keinen Schutzwall mehr gibt, dass durch ihre Augen das Mysterium hindurch scheint, dass sie die Wirklichkeit erkennen, die sich im gegenwärtigen Moment abspielt. Weder in der Vergangenheit, noch in der Zukunft.

Mich hat dieser kleine Text sehr berührt und inspiriert

Wenn ich erzähle, dass ich Trauernde begleite, als Bestatterin arbeite, dann werde ich oft gefragt, wie ich das aushalte. Wie halte ich all den Schmerz aus und wie schaffe ich es, Distanz zu den mir anvertrauten traurigen Geschichten zu schaffen? Die Wahrheit ist, ich brauche keine Distanz schaffen, weil die Menschen, die mir begegnen, mit all ihren Geschichten, Gefühlen und in ihrer Trauer ein Geschenk sind, eine Bereicherung. Diese Begegnungen sind echt und tief und ungeschminkt. Es ist das pure, schmerzhafte Leben, ja, das „Mysterium“, das durch Menschen in Trauer spricht. Die Wirklichkeit eines solchen Verlusts lüftet alle Schleier und wirft uns auf das, was wir sind. Auf unsere pure Existenz. So sehe auch ich trauernde Menschen als Weise, als wertvoll und in diesem Sinne als wakan. Das soll ihren Verlust nicht beschönigen oder klein machen. Im Gegenteil.

Ich sehe ihren Schmerz, aber ich lasse mich nicht davon abhalten, dahinter auch ihre tiefe Schönheit zu erkennen.

Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft irgendwann begreift, wie urmenschlich Verluste sind, wie wichtig, dass es Raum dafür und für die Trauernden gibt. Und wie viel es bewirken würde, wenn Trauernde wertgeschätzt und wahrhaftig gesehen würden in dieser Zeit. Nicht nur für die Trauernden selbst, nicht bloß als ein Akt des Mitgefühls, sondern für diesen Weg des Lebens, den wir alle gemeinsam gehen.

Schließlich sind wir doch alle irgendwann Trauernde. Der Verlust eines geliebten Menschen ist eine der Erfahrungen, die wir alle miteinander teilen. Der Schmerz und die Trauer, die dann folgen, gehören zum Leben dazu. Genauso wie die Einblicke in die geistige Welt, die viele von uns nach einem solchen Verlust erhalten. Weil die Schleier sich gelüftet haben. Weil für einen Moment all die Ablenkungen, die vorher wichtig waren, nicht mehr zählen. Und weil da auf der anderen Seite jemand ist, der uns vielleicht auf eine Art ein Stückchen mitnimmt in diese Anderswelt. Und uns dadurch eine neue, veränderte Sicht auf unsere Welt ermöglicht.

In meiner Arbeit darf ich gemeinsam mit den Menschen, die mir begegnen, immer wieder aufs Neue durch und hinter diese Schleier schauen, auch meine eigene Sicht immer wieder ein Stückchen weiten und erneuern. Dann sitze ich zusammen mit der 80-jährigen Frau nach dem Tod ihres Mannes und lausche ihrer Lebens- und Liebesgeschichte. Sie könnte meine Oma sein und doch bin ich ihr an dieser Stelle schon voraus gegangen. Den Verlust des Geliebten habe ich schon erfahren, erspürt, den Weg der Trauer bin ich schon auf meine Art gegangen. Und es ist ja auch nicht ihr erster Verlust.

Weil der Tod zum Leben gehört, ist die Erfahrung des Todes immer ein Teil davon.

Und genau in dieser Erfahrung sind wir für den Moment verbunden, wissen wir beide worum es im Leben geht.

So möchte ich dich als Leser, wenn du selbst noch keinen solchen Verlust erlitten hast, einladen, den Trauernden zu lauschen. Sag ihnen nicht, was du denkst, was sie tun sollten. Höre ihnen zu, schaue in ihre Augen, lass dich ein auf das Mysterium des Lebens, das durch ihre Augen scheint. Sieh sie als Lehrmeister für dein eigenes Leben. Denn auch dein Leben wird Verluste bereithalten, vielleicht erst später, vielleicht anderer Art. Und doch wird es wehtun und du wirst dich fragen, wie um alles in der Welt du damit umgehen sollst. Lass es dir von denen, die bereits dort sind, zeigen. Begegne ihnen demütig statt belehrend, auf Herzenshöhe statt im Vorbeigehen.

Und wenn du selbst einen geliebten Menschen verloren hast, dann wünsche ich dir von Herzen, dass du dein „wakan“-Sein erkennen kannst. Unabhängig davon, ob es in unserer Gesellschaft oder deinem Umfeld eine Wertschätzung dafür gibt. Unabhängig davon wie andere Menschen dir begegnen. Wisse, dass du wertvoll bist. Mit und ohne Trauer. Als Mensch. Und wisse, dass du gerade in der Trauer weise bist und echt. Wisse, dass du ein Geschenk, eine Bereicherung bist und lasse dich nicht davon irritieren, dass manche Menschen dieses Geschenk noch nicht annehmen wollen oder können. Ich wünsche dir, dass dir diejenigen begegnen werden, die dich wahrhaftig annehmen und sich von dir bereichern lassen wollen. Auch dann, wenn du selbst das Geschenk, das du bist, noch lange nicht erkennen kannst.


“Silke Szymura (38) ist Autorin zweier Bücher, Bestatterin, Trauerbegleiterin und -Rednerin und schreibt auf ihrem Blog “In lauter Trauer” über Trauer, Tod und Leben. Auf dem Youtube-Kanal “Über den Tod reden”, den sie gemeinsam mit ihrem Mann betreibt, führt sie zudem Gespräche mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Weltanschauungen über den Tod. Den Weg durch die Trauer ist sie selbst gegangen. Im Alter von 30 Jahren verlor sie ihren damaligen Lebenspartner ganz plötzlich – und damit auch ihr altes Leben als Informatikerin. Auf ihrem Weg durch die Trauer durfte sie ein ganz neues Leben entdecken. Ihre Trauer konnte sich in tiefe Dankbarkeit und Frieden wandeln.”

Gastautorin: Silke Szymura